Karfreitagspredigt 2.4.2021

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Geist der Wahrheit
Iris Lustenberger,
Predigt am Karfreitag, 2. April 2021, ev. ref. Kirche Ennenda

Vom Pfarrerin Iris Lustenberger

Wo Menschen destabilisiert sind, ausgelaugt, unzufrieden, erschöpft, wie damals unter römischer Herrschaft, ist die Sehnsucht nach Frieden immens.

Es ist wichtig zu verstehen, dass das Böse vor allem da grassieren kann, wo Menschen unzufrieden, erschöpft und unter Druck sind. Und vor allem auch da, wo Angst herrscht. Da, wo das Innere Kind eingekerkert ist und daran gehindert wird, aus seinem reinen Herzen zu leben.

Allesamt waren sie gleichermassen gebeutelt von der römischen Herrschaft und allesamt sehnten sich eigentlich alle nach Frieden.

Jene, die Jesus schätzten und liebten, fanden in seiner Botschaft und in seiner Gegenwart die Erfüllung ihrer tiefsten Sehnsucht. Endlich kommt da jemand, der den ersehnten Frieden bringt! Nicht zufällig hat Jesus gesagt, was auch auf unserem Taufstein steht und in unserem mittleren Kirchenfenster angedeutet ist: Lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Reich Gottes.

Jesus Widersacher, die wollten eigentlich auch ihren Frieden.
Nachdem Jesus den toten Lazarus wieder zum Leben erweckt hatte, hatte sich noch mehr Volk um Jesus geschart. Dies beunruhigte die Pharisäer sehr, weil sie befürchteten, dass die Römische Herrschaft ihnen die Vormachtstellung wegnehmen könnte, wenn es Unruhe gibt im jüdischen Volk. Im Johannesevangelium hören wir die Priester folgendes sagen:
«Was sollen wir unternehmen? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn gewähren, so werden alle an ihn glauben, und die Römer werden kommen und uns Land und Leute wegnehmen.» Johannes 11.48

Es wäre also zu einfach, den Juden den Tod von Jesus in die Schuhe zu schieben. Die Pharisäer verhielten sich so böse, weil sie sich selber sehr unter Druck fühlten! Sie hatten ihre Vormachtstellung, die ihnen die Römer eingeräumt hatten, nur unter der Bedingung bekommen, dass sie dafür sorgen, dass Ruhe gehalten wird im Volk. Man muss verstehen, dass die Vormachtstellung für die Pharisäer sehr wichtig war. Sie wollten ihren Kult auf althergebrachte Weise leben können, sie wollten den Tempel in Jerusalem als ihre Kultstätte für Jahwe bewahren und auf keinen Fall den römischen Göttern preisgeben. Auch wollten sie vom Volk weiterhin den 10. Einziehen können. All dies wurde von den Römern nur geduldet, solange Ruhe und Ordnung im jüdischen Volk herrscht. Die priesterlichen Schichten, die Pharisäer und Sadduzäer, konnten offenbar mit den Römern aushandeln, dass sie ihre Religion leben dürfen unter der Bedingung, dass es friedlich und ruhig zu und her geht.

Der Volksauflauf den Jesus um sich scharte, insbesondere der Einzug in Jerusalem war alles andere als ruhig. Für die Römer könnte dies so ausgesehen haben, als würden die Pharisäer ihr Versprechen nicht halten, als hätten sie ihr Volk überhaupt nicht im Griff. So waren die Pharisäer zwischen Stuhl und Bank. Sie waren unter Druck von den Römern und doch ihrem Volk verpflichtet. Und sie dachten sich, lieber nur einen eliminieren, als das ganze Volk der Knute der Römer ausliefern.
Das wurde auch ausgesprochen: Im Johannesevangelium hören wir den Hohepriester Kaiphas reden: John 11.49 -50: Ihr versteht nichts. Auch bedenkt ihr nicht, dass es für euch von Vorteil wäre, wenn ein einzelner Mensch für das Volk stirbt und nicht das ganze Volk zugrunde geht.

All diesen unterdrückenden und berechnenden Kräften das reine Herz zu opfern, das war für Jesus absolut undenkbar.
Das reine Herz, Wahrhaftigkeit und Wahrheit stand für Jesus an oberster Stelle. Das reine Herz ist das wahrhaft Heilige und nicht unmenschliche Interpretationen und Handhabungen religiöser Formen, die ihr eigentliches Ziel, nämlich die Liebe verfehlen. Da gibt es kein Ducken und kein Schweigen, da muss die Wahrheit auf den Tisch.

Aus dem Lukasevangelium: 19.28 ff
Und einige von den Pharisäern, die unter dem Volk waren, sagten zu Jesus: Meister, bring deine Jünger zum Schweigen! Und er antwortete: Ich sage euch: Wenn diese schweigen, werden die Steine schreien.

Das sind klare Worte.

Darüber wie es mit dem Umgang mit der Wahrheit unter den jüdischen Gelehrten steht, weiss das Johannesevangelium so zu berichten:
Vgl. Joh 12.42-43 Gleichwohl glaubten auch von den Mitgliedern des Hohen Rates viele an Jesus, standen aber nicht dazu wegen der Pharisäer, um nicht aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden. Denn sie liebten die Ehre der Menschen mehr als die Ehre Gottes.

Genau das kam für Jesus nicht in Frage. Er stand zu seiner Wahrheit. Im Gegensatz zu den Mitgliedern des Hohen Rates war Jesus nicht abhängig von der Ehre der Menschen und er hatte keine Angst vor dem Tod. Deshalb war er nicht manipulierbar.

Beim Verhör mit dem Hoheprister Hannas weist Jesus so auf die Wahrheit hin:
Wenn ich etwas Falsches gesagt habe, so zeige auf, was daran falsch war; wenn es aber richtig war, was schlägst du mich? Joh 18.19 ff

Und zu Pilatus sagte Jesus, dass er für die Wahrheit Zeugnis ablege, worauf Pilatus wissen wollte: Was ist Wahrheit?

Im Johannesevangelium wird die ganze Passionsgeschichte in den Zusammenhang mit der Wahrheit gestellt. Der heilige Geist, den Jesus den Jüngern für die Zeit nach seinem Tod in Aussicht stellt, ist der Geist der Wahrheit. Der Geist, der reine Herzen leben lässt.
Die Passionsgeschichte ist auch für uns heute noch eine einzig grosse Aufforderung uns von der Wahrheit leiten zu lassen.

Joh 16.13
der Geist der Wahrheit, wird euch in der ganzen Wahrheit leiten;

Jesus sprach Pontius Pilatus gegenüber an, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist. Er machte klar, dass er dem römischen Kaiser keine Konkurrenz macht. Dass Jesus von seinem Reich sprach, irritierte Pilatus.

Du bist also doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es. Ich bin ein König. Dazu bin ich geboren, und dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.

So ging Jesus in die Passion als einer, der total missverstanden wurde. Er redete von einem ganz anderen Königtum als das Volk, die Hoheprister oder Pilatus.

Jesus Reich ist das Reich der Liebe, das Reich der reinen Herzen, das Reich der Kinder, das Reich der Wahrheit. Die Wahrheit geht aufrecht, sie vergibt und schenkt Frieden.
So wie Jesus den Jüngern vor der Passion sagte: Frieden lasse ich euch zurück, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht!

Liebe
Und Wahrheit
Frieden, Freude, Fülle
Sollen leben und alle
Beglücken

Das ist das Ziel dieser schmerzhaftesten Stunden der Weltgeschichte.

Was Jesus uns vorgelebt hat, ist die Hingabe an die Wahrheit, die Hingabe an das, was wir als Willen Gottes für uns erkennen. Jesus ging damit seinen Weg. Den Weg, der letztlich – von der Auferstehung her gesehen - nicht ihn gekreuzigt hat, sondern die Angst.

Die Menschen hatten Angst, ihren Posten zu verlieren, Angst demaskiert zu werden, Angst vor Umkehr und Unsicherheit. Sie projizierten ihre Ängste auf Jesus. Deshalb können wir sagen, dass eigentlich nicht Jesus sondern die Ängste der Menschen gekreuzigt wurden.

Es fragt sich, wer da letztlich mehr zu leiden hatte. Der Gekreuzigte oder die, die ihn gekreuzigt hatten?

Was ist befreiender: zur Wahrheit zu stehen oder mit Unwahrheiten sein Dasein zu fristen? Gefangen zu sein in Oberflächlickeiten oder reinen Herzens zu leben? In Angst zu leben oder in Liebe zu sterben?

Als Christen dürfen wir uns im Leben entspannen, sorgfältig, liebevoll mit uns selbst und einander umgehen, ohne überängstlich zu sein, ohne in Angst, Sorge und Anspannung zu leben. Wer ständig eine Dauerangst mit sich herumträgt, ist vielleicht gut beraten, sich zu vergegenwärtigen, dass wir im Tod genauso gut aufgehoben sind wie in einem Leben der Fülle.
Das wäre ein Schlüssel für unsere gefühlte Lebendigkeit.
In Anbetracht von Karfreitag dürfen wir uns alle vertrauensvoll in die liebevollen Arme Gottes fallen lassen, ob der Weg nun ins Sterben oder ins Leben führt. Wenn wir so loslassend von Gott wieder ins Leben entlassen werden, können wir dies jeden Tag neu als Geschenk entgegennehmen.
Das heisst jetzt nun nicht, dass wir unseren Lebenswillen über Bord werfen sollen.
Erst wenn wir den Lebenswillen haben, dann ist es eine echte Hingabe. Wenn wir sowieso keinen Lebenswillen mehr haben, dann ist die Hingabe nicht viel wert.
Wenn wir wahrhaftige Hingabe leben wollen, dann müssen wir das Leben in seiner ganzen Fülle zulassen, auskosten und leben, sodass jeder von uns eine leuchtende Zelle im grossen Ganzen ist. Eine leuchtende Zelle, die wie Jesus bereit ist, anderen, die es nicht besser wissen, zu vergeben.

Jesus sagte damals und er sagt es auch zu uns heute:
Joh 12.46
Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.

Das habe ich euch gesagt, damit ihr Frieden habt in mir.

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Joh 15.9
Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!

Joh 15.11-12
Das habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Amen