BASTAVEDA

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Predigt vom 21.2.2021
Iris Lustenberger,
BASTAVEDA

Barmherzigkeit
Stille
Achtsamkeit
Vertrauen
Dankbarkeit


Liebe Gemeinde

Das Wort BASTAVEDA bedeutet nicht etwa eine neue indische Heilkur, es kommt nicht aus Indien, sondern aus meiner Schreibstube - kreiert als Eselsbrücke, auf die ich in der Predigt noch zu sprechen kommen werde. Es ist eine Wortkreation, die aus den Anfangsbuchstaben von Barmherzigkeit, Stille, Achtsamkeit, Vertrauen und Dankbarkeit geschaffen wurde und so tönt, als hätten wir hier eine Mischung von Italienisch und Sanskrit.
Bastaveda, das Wortspiel könnte tatsächlich meinen: Basta, fertig mit allem was zu viel ist, zu Gunsten vom Wesentlichen. Das Wort Veda bedeutet im Sanskrit Lehre. Bastaveda könnte also die Lehre sein vom Wesentlichen.

Die Frage nach dem Wesentlichen stellte auch ein Zeitgenosse von Jesus mit der Frage:

Markusevangelium 12, 29-31

Auf die Frage, welches das erste Gebot von allen sei, antwortete Jesus:
Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist allein Herr, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand und mit all deiner Kraft. Das zweite ist dieses: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Höher als diese beiden steht kein anderes Gebot.

(Vgl. Deuteronomium 6,4-9
Höre, Israel: Der HERR, unser Gott, ist der einzige HERR. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.)


Predigt vom 21.2.2021

Liebe Gemeinde

Das Wunderbare an der Bibelstelle aus dem Markusevangelium liegt unter anderem darin, dass wir hier die drei Grundpfeiler eines erfüllten Lebens vor uns stehen haben. Die drei Grundpfeiler, die immer aufeinander bezogen sind. Wenn einer fehlt, dann wird es wackelig.

Es sind die Grundpfeiler ICH - DU - GOTT.

Was die drei miteinander verbindet, ist die LIEBE.

Und darum geht es im Kern jeder Religion. Es geht um Verbindung, um Zugehörigkeit.

Der hebräische Text das Schema Israel (Dtn. 6, 4-9), das der Markuspassage zu Grunde liegt, macht deutlich, dass der Gott, dem unsere Liebe gilt, einer ist.
Gott ist der Eine, das Eine in allem: Die Einheit. Das, was alle Gegensätze miteinander vereint. Er oder sie ist hat kein Gegenteil. Gott ist das, der oder diejenige, das uns vereint. Dieses Eine ist die Liebe, aus der wir kommen, in der wir leben und in die wir zurückkehren. Es ist die Herzenskraft, die in unser Leben fliessen möchte.

Weil es um das Eine geht, das in uns allen und im ganzen Universum pulsiert, ist die Liebe nie eine Einbahnstrasse, sondern ein Geben und Nehmen, ein Schenken und beschenkt werden, ein Fliessen vom einen zum anderen, ein verbindendes Pulsieren.
Wenn wir geben, sind wir immer auch gleichzeitig die Beschenkten. Was wir für uns selbst tun, tun wir auch fürs Ganze. Wenn wir jemandem etwas zu Liebe tun, dann tun wir es auch für Gott und für uns selbst.
Gottes Liebe strömt über zu uns, sie fliesst uns zu aus einer nie versiegenden Quelle. Wir nehmen sie an und geben sie weiter. Sie sagt uns nicht nur: „gib!“ sondern auch: „Nimm an!“
Im hebräischen Urtext vom Schema Israel kommt das Wort soll eigentlich gar nicht vor. Wir finden lediglich eine Verbform des Verbs lieben vor, das auf den Zeitfluss ausgerichtet ist und zum Ausdruck bringt, was als nächstes kommt. Wir könnten gerade so gut übersetzen: Du wirst Gott lieben.
Liebe zu Gott ist da, tief in unseren Herzen. Sie ist in uns angelegt, wie das Atmen. Wenn wir ihr nichts in den Weg stellen, stellt sie sich von selbst ein und wir können gar nicht anders, als Gott mit unserem ganzen Wesen und Sein zu lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit all unserem Denken und mit all unserer Kraft.
Nichts wird abgespalten: Denken, Fühlen und Wollen gehen Hand in Hand. Mit Herz, Seele, Verstand und Kraft werden wir Gott lieben. Aus der menschlichen Ganzheit heraus wird die Gottesliebe geboren und aus dieser Ganzheit heraus möchte sie gelebt und in den Alltag integriert werden.

Dass es mit der Gottesliebe um den ganz konkreten Alltag geht, das drückt der weiterführende Text im Deuteronomiumbuch deutlich aus:
Die Menschen sollen diese Worte Im Herzen behalten, den Kindern einschärfen, davon reden, wenn sie in der warmen Stube sitzen, auf dem Weg gehen, sich niederlegen oder aufstehen. Sie sollen sie als Zeichen auf die Hand binden oder auf die Stirn und an die Türpfosten des Hauses schreiben, also in den Alltag tragen.

Was bedeutet es für uns ganz konkret, Gott zu lieben, wie können wir Gottesliebe in den Alltag tragen?

Ich bin mir sicher, wenn wir jetzt eine Diskussionsrunde darüber eröffnen würden, dann würden wir zu sehr vielen reichhaltigen Antworten kommen. Eine Predigt reicht niemals aus um diese Frage abschliessend zu beantworten. Ich versuche mich heute mit Hilfe der Gedächtnisstütze Bastaveda auf 5 Antworten zu beschränken, und bitte Sie, diese unbedingt zu ergänzen.
Gottesliebe im Alltag zeigt sich durch das Praktizieren von

BA: Barmherzigkeit
ST: Stille
A: Achtsamkeit
VE: Vertrauen
DA: Dankbarkeit

Wir praktizieren Gottesliebe durch Barmherzigkeit.
Wenn Sie im Neujahrsgottesdienst waren, dann kennen Sie die Jahreslosung aus dem Lukasevangelium 6,36, die uns durchs Jahr 2021 begleitet und besagt: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Die zentrale Fähigkeit von Barmherzigkeit ist das Mitgefühl. In diesem Sinne könnten wir sagen: wir befinden uns im Jahr des Mitgefühls. Wenn wir Mitgefühl - uns selbst und anderen, auch der Schöpfung gegenüber pflegen, dann ist dies ein Akt der Gottesliebe.

Wir praktizieren Gottesliebe, indem wir uns Zeit nehmen für die Stille.
Gott kann in der Stille seine heilende Präsenz in uns wirken lassen ohne dass wir sie durch Gedanken und Tun zerstreuen. Die Stille ist einer der Orte, wo Gott uns ganz besonders gut erreichen kann. Und dadurch erreichen auch wir ihn.
Schauen Sie einmal was passiert, wenn Sie sich hinsetzten und sich sagen: „Ich setzte mich hin und nehme mir Zeit für die Stille, um meine Liebe Gott gegenüber zum Ausdruck zu bringen.“
Wenn das sich Hinsetzten und Verweilen in der Stille als Ausdruck der Gottesliebe betrachtet wird, dann fällt es vielleicht leichter, sich diese Zeit zu nehmen und die anfängliche Unruhe, die aufkommen mag, auszuhalten. Dann ist das Sitzen in der Stille nichts Sinnloses, Unnützes, sondern es bekommt eine sehr wichtige Bedeutung als Ausdruck der Liebe Gott gegenüber.

Auch Achtsamkeit können wir als Liebe zu Gott praktizieren. Wenn wir achtsam sind, erfahren wir dabei Gottes Präsenz in der Schöpfung und seine Liebe für uns.
Wir entdecken Gottes Liebe zum Beispiel erfahrbar in und hinter den Elementen der Schöpfung. Ein warmes Vollbad einlaufen zu lassen und eine Badewanne frisches, warmes Bergwasser nur für mich geschenkt zu bekommen, kann ich, wenn ich achtsam bin, als Geschenk Gottes an mich erfahren, als liebevolles umschmeichelt werden, als Moment der Reinigung und Erwärmung.
Es ist eine Frage der Perspektive. Achtsamkeit lässt uns alltägliche Dinge als Liebeserklärung Gottes an uns entgegennehmen und schätzen lernen.
Oder das warme Feuer im Ofen oder der wärmende, erhellende Sonnenstrahl im Rücken. Da wird uns etwas geschenkt, das wir nicht selbst produzieren, etwas das uns von aussen her erreicht und uns die Botschaft der Liebe bringt. Durch unsere Achtsamkeit lieben wir Gott und gleichzeitig erkennen wir die Liebe Gottes, die für uns da ist und uns aus allem möglichen entgegenstrahlt.
Oder die Erde, auf der wir gehen, stehen, sitzen oder liegen: Sie hält uns. Nehmen wir achtsam unseren Kontakt zur Erde wahr, dann merken wir, dass wir getragen und gehalten sind.
Einmal ganz abgesehen davon, dass alles, was wir zum Leben brauchen der Erde erwächst.
Und die Luft: Haben Sie das auch schon erlebt? Wenn Sie am Morgen das Fenster öffneten und die frische noch unverbrauchte Luft ins Zimmer strömte, dass Sie mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit erfüllt wurden?
Achtsamkeit ist ein weites Feld und umspannt das ganze Leben. Unendlich vieles wartet darauf, von uns entdeckt, erfühlt, erfahren und geliebt zu werden. Achtsamkeit ist ein aktiver Ausdruck unserer Liebe Gott gegenüber. Gleichzeit sind wir die Beschenkten.
Auch das Vertrauen ist ein Akt der Gottesliebe. Wir alle wissen, dass es Liebe nicht ohne Vertrauen gibt.
Wenn wir von Selbstliebe, von Nächstenliebe und von Gottesliebe sprechen, dann schwingt darin immer auch das Selbstvertrauen, das Vertrauen zum Nächsten und das Vertrauen zu Gott mit als grundlegende Qualität.
Vertrauen hat mit Loslassen zu tun. Mit Geborgenheit und sich Aufgehoben fühlen.
Wenn ich Gott liebe, dann vertraue ich. Ich baue darauf, dass alles gut kommt, auch wenn das Leben bisweilen herausfordernd ist und Schmerzen bereitet.
Gott zu lieben bedeutet, immer wieder heimzukehren ins Vertrauen. Auch wenn es uns schwerfällt und wir das Vertrauen nicht immer gleich spüren können: Wir sind eingeladen, uns jeden Tag immer wieder ganz bewusst für das Vertrauen zu entscheiden.
Das ist ein aktiver Beitrag. Ein Ausdruck unserer Liebe Gott gegenüber.

Auch Dankbarkeit können wir als mögliche Form der Gottesliebe kultivieren: Zum Beispiel aus Dankbarkeit eine Kerze anzünden. Aus Dankbarkeit musizieren, malen, singen oder tanzen. Aus Dankbarkeit eine Pflanze säen oder setzten. Aus Dankbarkeit etwas spenden, schenken oder jemandem etwas helfen. Aus Dankbarkeit tun, was immer unserem Herzensimpuls entspringt. Wer Dankbarkeit praktiziert, nährt die Beziehung zu Gott.

Kommen wir nun zum zweiten Gebot, das Gebot der Nächsten- und Selbstliebe:

Was die Nächstenliebe anbelangt, ist es nicht immer so einfach! Wie kann ich jemanden lieben, der mich gerade beleidigt hat? Wie soll ich mich entscheiden, wenn mich die Nächstenliebe vor ein Dilemma stellt und ich nicht allen gerecht werden kann?

Vielleicht gewinnen wir hier eine Antwort, wenn wir die Gottesliebe, die Nächstenliebe und die Selbstliebe zusammensehen.
Meistens kommt es zu einem Dilemma in der Nächstenliebe, wenn wir die Selbstliebe übergehen oder den grösseren Zusammenhang aus den Augen verlieren. Es kommt zu einem Dilemma, wenn wir die Verantwortungsbereiche nicht klar auseinanderhalten können. Wenn wir meinen, uns aufopfern zu müssen, mehr zu tun, als wir eigentlich verkraften können oder mehr tun, als in unserer Verantwortung steht.
Wer die Selbstliebe übergeht und für andere tätig werden will, nützt nur begrenzt. Was gut gemeint ist, tut nicht auch zwingend gut. Die Nächstenliebe muss immer zuerst genau hinsehen und sich ein Bild über die wahren Bedürfnisse verschaffen. Dabei ist zu bedenken, dass die Person, der ich helfen will, erstens sich selbst hat und sie hat auch Gott. Sie ist eingebettet in ihr Leben und ihren Lebensplan. Es kann also nicht darum gehen, meine Ideale und Vorstellungen der Person überzustülpen, vielmehr muss ich nach ihrem Befinden fragen.
Meistens genügt es vorerst, die Person wahrzunehmen, unvoreingenommen wahrzunehmen und einfach da zu sein.
Wer sich wahrgenommen fühlt, fühlt sich geliebt.
Gehen wir nun auch noch das zweite Gebot - liebe deinen Nächsten wie dich selbst - mit Hilfe der Eselsbrücke BASTAVEDA durch. Wir werden sehen, dass dabei immer auch die Liebe Gottes mit von der Partie ist.

Barmherzigkeit mit mir selbst strahlt aus. Zur Barmherzigkeit mit mir selbst, gehört Selbstwahrnehmung und Selbstannahme. Sie ist die Grundlage für das Mitgefühl mit anderen.
Sowohl die Barmherzigkeit zu mir selbst wie auch die Barmherzigkeit zu anderen wird gespiesen durch die Barmherzigkeit, die uns Gott gibt. Wir dürfen uns Zeit lassen, diese wirklich voll und ganz in unser Leben zu lassen, indem wir gnädig sind mit uns selbst, uns selbst vergeben und uns von jeglichem Druck befreien. Wenn wir nach aussen treten und unser Mitgefühl schenken, dann so, dass wir jeder Person ihre persönliche Verantwortung lassen und ihr zutrauen, dass sie diese für sich selbst übernehmen kann.
Niemals sollen wir uns von Ansprüchen der Barmherzigkeit unter Druck setzen lassen. Barmherzigkeit anderen gegenüber kann immer nur so gross sein, dass die Barmherzigkeit mit uns selbst eingeschlossen ist.
Wenn zum Beispiel jemand einen persönlichen Angriff gegen Sie startet. Wäre es barmherzig, ihn gewähren zu lassen? Nein! Weder ihm noch Ihnen gegenüber. Barmherzig wäre es, sich die Zeit zu nehmen und die Person zu konfrontieren. Weil Sie dann sich selbst UND die andere Person ernst nehmen. Zum Glück zwingen können wir aber niemanden. Wer Ihre Barmherzigkeit nicht will, dem müssen Sie sie auch nicht geben.

Die Stille erlaubt mir, nicht dreinzuschiessen und meine Präsenz zu offerieren, die unvoreingenommen ist. Wenn ich die Qualität der Stille mitnehme in meine Beziehungen, dann bin ich einfach da und vertraue darauf, dass meine Präsenz wirkt. Das Gegenüber nimmt meine Ruhe wahr und kann selbst ruhig werden dadurch.
In unserer Präsenz, die ihre Wurzeln in der Stille hat, geben wir Gott Raum, in unseren Beziehungen gegenwärtig zu sein.

Achtsamkeit beinhaltet wahres Interesse am Du. Dass ich nicht nur mich selbst, sondern auch das Gegenüber offen und vorurteilslos wahrnehme. Wahrgenommen und gesehen werden, ist, wie bereits schon angetönt, ein Akt der Liebe. Sie beginnt mit der Achtsamkeit mir selbst gegenüber und kann sich von da aus ausdehnen in alle meine Beziehungen. Wie es das Wort Mitgefühl sagt, geht es vor allem auch um das Interesse für unsere Gefühle. Die eigenen und die unseres Gegenübers. Wir Menschen sehnen uns danach, in unseren Gefühlen gesehen und wahrgenommen zu werden. Wir möchten unsere Gefühle miteinander teilen. Daraus entsteht menschliche Wärme. Wie wohltuend ist es doch, wenn jemand Offenherziges uns wahrnimmt und sieht!

Wirklich Vertrauen zu können, ist etwas Wunderbares. Da werden wir zu Beschenkten, kommen im Leben an und beginnen, tief zu atmen und uns lebendig zu fühlen. Wir wissen, dass wahre Heilung von Gott kommt.

Vertrauen erlaubt es, der göttlichen heilenden Energie frei zu fliessen.
Gott vertraut uns das Leben an. Wir vertrauen ihm, dass das Beste für uns geschieht. Wir vertrauen dem Du, dass es uns schützt und uns nicht in den Rücken fällt.

Dankbarkeit beflügelt unsere Liebe zueinander und nährt uns. Sie lässt uns das, was uns wohl tut, in unseren Herzen bewahren.

Doch was ist, wenn statt Barmherzigkeit Härte die Erfahrung ist?
Wenn statt Stille Gehetze, Lärm und Überflutung alles dominiert?
Was ist, wenn wir so gefangen sind in unserem Gedankenkarussell, dass wir die Achtsamkeit für unsere Gefühle, unseren Körper und unsere Mitwelt verpassen?
Was ist, wenn statt Vertrauen Schuldzuweisungen, Machtspiele und persönliche Angriffe Oberhand nehmen?
Was ist, wenn das ganze Leben sinnlos erscheint und Dankbarkeit zum Fremdwort wird?

Hier ist unsere Liebes- und Schöpferkraft ganz besonders gefragt. Hier sind wir Menschen in die Verantwortung gezogen. Denn all dies haben wir in der Hand. Wir können uns jeden Tag neu für die Liebe entscheiden und entlang der Qualitäten, die in der Gedächtnisstütze BASTAVEDA enthalten sind, einen Neuanfang machen; egal wie gut es uns gestern oder vorgestern gelungen oder nicht gelungen ist.

Unsere wahre und zentrale Lebensaufgabe ist es, zu lieben.
Üben wir uns darin und erkennen wir dabei immer mehr, dass die Liebe in uns da ist, schon immer da war und immer da sein wird.

Amen



Ennenda, 21.2.2021 Prn. Iris Lustenberger